Fußball allein genügt nicht

Nachdem das französische, multikulturelle Nationalteam den WM-Titel 1998 gewann, überschlug sich das Lob für Frankreichs Integrationsmodell.
Dass der WM-Erfolg nicht pauschal auf das übertragbar ist, was Einwanderer in Vororten französischer Großstädte vorfinden, zeigten die dortigen Krawalle 2005. Sogar der von den Antillen stammende, französische Weltmeister Lilian Thuram bestätigte, dass solche Kurzschlusshandlungen nicht von ungefähr kommen, wenn mensch die Vernachlässigung von jungen Menschen dort betrachtet. Und wenn Innenminister Sarkozy diese Menschen zusätzlich als „Gesindel“ und „Ganoven“ bezeichnet und Vororte mit einem Hochdruckreiniger säubern will, kann eines zum anderen kommen. „Mir hat man einst auch gesagt, ich gehöre zu dem Gesocks“, entgegnete Thuram. „Aber ich bin kein Gesindel. Was ich wollte, war arbeiten.“
Thurams Wort ist kein unwichtiges. 2001 nahm er für Football Against Racism in Europe 2001 den UEFA Charity Cheque entgegen, ist in Frankreichs Hohen Rat für Integration aktiv und äußert sich seit langem zu Rassismus im Fußball: „Bis vor 100 Jahren“, so Thuram, „haben renommierte weiße Intellektuelle argumentiert, dass die Schwarzen den Weißen unterlegen sind. Europäische Länder haben ihre industrielle und wirtschaftliche Macht auf dem Rücken der Schwarzen aufgebaut. Die ‚Uh-Uh-Uh’-Rufe, die ‚Fans’ heute von sich geben, sind die logische Folge dieser Kultur.“
Viele Fußballklubs versuchen auf soziale Bedürfnisse von Einwandererkindern einzugehen und dabei neue Talente zu sichten. Foot Citoyen versteht sich als Sozialprojekt, dass insbesondere Übungsleiter sensibi-lisieren will. Doch den Vororten helfen Fußballprojekte als alleiniges Integrationsmittel nicht, wenn viele außer Sport nichts haben: keine Arbeit, keinen Schulabschluss, kaum Motivation. Thierry Dodeman, Präsident des größten Fußballklubs im betroffenen Vorort Clichy-sous-Bois bestätigte: „Das ist eine negative Spirale, die sich immer weiter dreht, und die kann auch der Fußball nicht aufhalten, nur in Ausnahmefällen.“
“Ali Benouna, ein Moslem aus Algerien, konnte 1935 in der französischen Nationalmannschaft spielen, und Frankreichs Star 1938 war Larbi Ben Barek, der aus Casablanca kam. Mit ihm in der französischen Nationalmannschaft spielte Raoul Diagne aus Senegal, dessen Vater Abgeordneter im Parlament war und Jura studiert hatte. Damit will ich nicht sagen, daß Rassismus im französischen Fußball geringer war als z. B. in Österreich, wo zur damaligen Zeit kein einziger schwarzer Fußballer gespielt hat, oder geringer als in Deutschland, Italien oder Spanien. Es zeigt vielmehr etwas anderes: Es zeigt, daß in Frankreich Fußball nie Element der nationalen Identität war. Ein interessanter Punkt, wenn man bedenkt, dass in den 30er Jahren in sehr vielen europäischen Ländern Fußball ein Bestandteil des nationalen Erbes wurde.”
(Pierre Lanfranchi)







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