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Der Ball als Migrant


Fußball bedeutete immer schon Migration. Als englisches Spiel half er gegen Ende des 19. Jahrhunderts den fortschrittlichen English Way of Life in Europa zu etablieren. Mit offenem Wettbewerb und universellen Regeln galt Fußball als Pionier der freien Marktwirtschaft, des Parlamentarismus und der Internationalität.

Auch wenn moderne Fußballspiele schon zu Beginn der 1860er Jahre in Belgien überliefert sind; auch wenn der älteste Fußballklub im kontinentalen Europa der 1872 von englischen Angestellten in Frankreich gegründete Le Havre Athletic Club war: Die organisierte Verbreitung des Fußballs in Europa brachten insbesondere die ökonomischen Eliten voran, die studierenden Söhne britischer und euro-päischer Industrieller. Menschen verschiedener Herkunft und Nationalität spielten im selben Team. Parallel spielten britische Seeleute und Industrie-techniker und mischten sich mit Einheimischen.

Die ersten Fußballspiele fanden in den 1860er Jahren in Schweizer Eliteschulen statt. Ausgehend von studierenden Söhnen englischer Industrieller begeisterten sich z. B. ihre schweizerischen und italienischen Kollegen und wurden zu Botschaftern des Spiels. Viele englische und vor allem schweizer-ische Industrielle und Akademiker hatten immer den Lederball unter ihrem Arm, wenn sie wegen ihrer Arbeit ins Ausland wanderten. Ebenso hielten es viele Rückkehrer, die sich in England oder in der Schweiz fortgebildet hatten.

Fußball als moderner Lifestyle
Die ersten Fußballer und Klubgründer im kontinentalen Europa waren Migranten. Die industriellen Wanderer organisierten Fußball zur Freizeitfreude und als bevorzugt männlichen Treffpunkt ökonomischer und akademischer Eliten jenseits nationaler Grenzen oder alter Stände. Aufgrund ihres gehobeneren Status integrierten sie sich leicht. Sie erkannten Fußball als Ausdruck von Fairplay und Philosophie des Selfmade-Mannes. Aber auch zur spielerischen Einübung kapitalistischer Tugenden für Nachwuchs, landsmännische und besonders einheimische Angestellte und Arbeiter. Fußball stand für Arbeitsteilung, Einzelverantwortung und Disziplin. Fußball hielt den Körper für den Arbeitsalltag fit und Fußball manifestierte langfristig den Fetisch Leistung auch jenseits von Arbeit.

Der Ball machte zunächst in der Schweiz, Dänemark und Belgien die Runde, den drei Ländern mit dem damalig höchsten Bruttosozialprodukt pro Kopf. Zu Beginn blieb die Spielsprache englisch, Klubfarben wurden englischen Vorbildern entlehnt. Bis heute gibt es Vereine, die ihren englischen Namen pflegen: Young Boys Bern, Grasshoppers Zürich oder Inter Milan.

Doch schon früh gründeten sich Vereine, die Migranten ausschlossen, z. B. Espanol Barcelona im Jahr 1900 als Reaktion auf den international ausgerichteten FC Barcelona, Sampdoria Genua nur für Italiener oder Stade Francais als nationale Alternative zum eher englischen Racing Club Paris.